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Orient trifft Okzident

REUTLINGEN. Der Türkei-Schwerpunkt der Württembergischen Philharmonie ist eine große Erfolgsgeschichte geworden. Die Tournee mit dem türkischen Klavier- und Kompositionsstar Fazil Say mit fünf Konzerten war ausverkauft und die Begeisterung des Publikums enorm. Am Donnerstag nun ging der Türkei-Schwerpunkt weiter mit einem Werkkonzert »Alla turca« unter der der Leitung von Ola Rudner in der Stadthalle.

Zentraler Gast war der türkische Komponist und Perkussionist Burhan Öçal. Von einem Hexenschuss geplagt schritt er etwas gekrümmt an seinen Platz. Doch was seine Hände aus der zierlichen Darbuka-Trommel holten, war verblüffend. Die Spanne reichte vom tief-sonoren Basspuls bis zu hellen Klicklauten, die er mit schnalzenden Fingern dem Rand der Spielfläche entlockte.

Öçal steuerte auch zwei große Kompositionen bei. »Danse of Passion« klingt wie rhythmisch peitschende Thriller-Musik mit schroffem Orchesterpuls, über dem nervös die Darbuka wirbelt. Heller, versöhnlicher gibt sich seine »Suite Arabesque«. Anfangs lösen sich über dunklem Kontrabassgrund solistische Beiträge von Cello, Klarinette, Harfe und Geige in nahöstlich geprägter Melodik ab. Später wogt das Ganze in beseelten Kantilenen, und am Ende steigert sich alles in einen mitreißenden rhythmischen Wirbel, in dem neben Öçal auch die Orchesterschlagwerker jede Menge zu tun haben. Begeisternd!

Archaische Klangbilder

Naturhaft zerklüftet stellte sich »Toward that Endless Plain« (Dieser endlosen Ebene entgegen) von Öçals Landsmann Reza Vali dar. Man taucht in archaische Klangbilder karger Felslandschaft ein, über die Khosro Soltani als Solist den naturhaften, von Luftgeräuschen durchsetzten Ton der türkischen Flöte Ney schweben lässt. Im zweiten Teil leuchtet die Ney mild aus einem sanft schimmernden Klanggewebe des Orchesters heraus. Komponist Reza Vali nahm den stürmischen Applaus persönlich entgegen.

Mit seinem Tongedicht »Türkiye« (Türkei) kam der türkische Nationalkomponist Cemal Resit Rey (1904–1985) zu Wort. In seiner Musik mischt er reizvoll nahöstliche Rhythmik mit westlichem Melodienstrom. Die umgekehrte Perspektive verkörpern Albert Ketelbey mit »Auf einem persischen Markt« und der Däne Carl Nielsen mit seiner »Aladdin«-Suite: Sie nehmen das Orient-Sujet aus der Perspektive der westeuropäischen Klassik in den Blick.

Dazwischen demonstrierten Öçal und Soltani im Duett von Darbuka und Ney, wie sich originäre Musik des türkisch-arabischen Raums anhört, mit ihren typischen Mikro-Intervallen. Und im Trio mit Pianist Ilyas Mirzayev, der auch in vielen Orchesterstücken Akzente setzte, gelang ihnen eine famose Mischung aus Orient und Jazz.

Insgesamt ein packender Dialog zweier Musikwelten. Am Ende gab’s noch Grüße von Schirmherrin Tülay Schmid und ein Ständchen für den rückengeplagten Burhan Öçal, der an eben diesem Tag seinen 54. Geburtstag feierte. (akr)

kaynak : http://www.gea.de/nachrichten/kultur/orient+trifft+okzident.3136494.htm