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Fokus Türkei: Konzert der Württembergischen Philharmonie mit Burhan Öçal und Gästen

Die Württembergische Philharmonie Reutlingen erkundet immer wieder Crossover-Begegnungen verschiedener Klangwelten. Nun bot sie als weiteres Programm im Fokus Türkei ein „Alla-turca“-Konzert.

Das Publikum bestand mehrheitlich aus bunt gemischten, neugierigen Kulturinteressierten. Die Gastsolisten ihrerseits brachten als exzellente Musiker und musikalische Weltbürger keine Folklore mit, sondern eher Neuinterpretationen traditioneller Kunstmusik ihrer Herkunftsländer Türkei (Burhan Öçal) und Persien/Iran (Khosro Soltani). Ilyas Mirzayev, aus Aserbaidschan gebürtiger Komponist und Pianist, brachte am Flügel außerdem eine jazzige Note ins Spiel.

Die Improvisation bildet ohnehin eine wichtige musikalische Brücke zwischen den Kulturen. Eine enge Verknüpfung zwischen den alten, fein ausdifferenzierten Klangsprachen des Orients und der im Tonvorrat reduzierten europäischen Sinfonik ist schwierig, dazu müssen etwa die ungleich gestimmten Skalen angepasst werden.

Wie europäische Komponisten Anfang des 20. Jahrhunderts sich an orientalischem Kolorit versuchten, war dieses Mal an „Auf einem persichen Markt“ von Albert Ketelbey und zwei Sätzen aus der „Aladdin“-Suite von Carl Nielsen abzulesen, die in edlem Salonton, nordisch-orientalischer Schwere und traumzart versponnen die beiden Programmblöcke eröffneten.

Danach gab es reichlich Neues, kaum je Gehörtes für die Ohren, leider ohne gedruckte Erläuterung: In Burhan Öçals „Dance of passion“ entfesselte die Darbuka, von dem vielseitigen, türkischen Top-Musiker mit virtuos sprechenden Händen getrommelt, zusammen mit dem Klavier (vom Arrangeur gespielt) und dem Orchester ein kontrastreiches Gespräch der Stimmen, elektrisiert durch komplexe Rhythmen. Keine leichte Aufgabe für Ola Rudner und sein Orchester, sich einzulassen auf Metren und Rhythmen, die im Standardrepertoire kaum je vorkommen.

Welten trafen aufeinander in „Ecstatic Dance“ und „Descent and Dissolve“ aus „Toward that Endless Plain“ für Ney-Flöte und Orchester von dem iranischen Komponisten Reza Vali, der selbst im Publikum saß: Hier das große Orchester und dort das Hauchen, Raunen und Klagen der von Khosro Soltani gespielten Ney-Flöte, deren fremdes Idiom am Ende behutsam auf das Orchester übertragen wird, als versuchte dieses, es nachzusprechen.

Neue Räume eröffnete auch die Duo-Improvisation von Burhan Öçal und Khosro Soltani im sinnlich-sensiblen Klang der armenischen Balaban-Flöte zur unaufdringlich geschlagenen Handtrommel. Orchestrale Impressionen auf vielfältige Rhythmen boten einige der zehn Sätze der sinfonischen Tondichtung „Türkei“ von Cemal Resit Rey, verteilt auf die beiden Programmhälften. Besonders beeindruckend: das frenetische Ostinato im „Presto“ und die farbigen Klangflächen im „Lento“ mit abgründigen Soli der Bassklarinette.

So herrlich perkussiv hört man das Orchester selten, und für Burhan Öçals ans Ende gestellte, eingängig und unterhaltsam daherkommende „Suite Arabesque“ gab es Jubel nach jedem Satz, ob nach den „Tanzenden Bäumen“ oder den „Herbstwinden überm Bosporus“, denen Öçal und Mirzayev als Ensemble-Solisten erneut ihre persönliche Prägung gaben.

Der Applaus ging auch nach den Dankesworten von Tülay Schmid, der Schirmherrin des Philharmonie-Schwerpunkts Fokus Türkei, weiter und bewog die drei Solisten zu einer spontanen Jam Session auf Ney, Darbuka und Klavier – wenn man so will, als Symbol für den Dialog der Kulturen.

kaynak : http://www.swp.de/reutlingen/lokales/reutlingen/Fokus-Tuerkei-Konzert-der-Wuerttembergischen-Philharmonie-mit-Burhan-Oe%25E7al-und-Gaesten;art1158528,1969805